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Ein Meinungsartikel
 
 
 
(05/1979)
 
Liebe Marvelianer, Spinnenfreunde, Comicfans,
nach all den schmerzlichen Nachrichten der letzten Wochen müssen wir Euch heute das
Betrüblichste mitteilen, das jemals auf einer Marvel-Leserbriefseite veröffentlicht wurde:
Leider sieht sich der Verlag gezwungen, auch den letzten Marveltitel aus dem Programm zu nehmen.
Mit anderen Worten: Auch die SPINNE wird eingestellt. Die letzte Ausgabe ist die Nr. 137.
Damit geht die wunderbare Marvelzeit, die Euch und uns soviel Spaß bereitete, vorläufig zu Ende.
Denn nach wie vor können wir Euch noch nichts Konkretes über neue Titel mitteilen.

Seid nicht traurig, Fans! Irgendwann sehen wir uns bestimmt wieder. Die Zeit heilt alle Wunden
und bringt uns sicherlich bald, irgendwo, irgendwie wieder zusammen. Daran glauben wir fest!
Und wenn Ihr es auch tut, ist noch nicht Hopfen und Marvel verloren. Behaltet die Marvels in
guter Erinnerung und behütet sie sorgsam, denn wer weiß...?
In diesem Sinne grüßt Euch
zum letzten Mal
herzlichst
Euer MMT
 
 
 
 
 
Ich bezweifle nicht, daß es wirtschaftliche Gründe ("die Auflagen... gingen stark zurück und deckten nicht einmal mehr die Eigenkosten des Verlages") waren, die den Williams-Geschäftsführer (und späteren Williams-Eigentümer) Klaus Recht dazu bewegten, im Mai 1979 den Stecker zu ziehen und die rund 13-jährige Marvel Comics-Ära bei BSV/Williams für immer zu beenden...
Eine Ära, die ab 1972 von Warner Communications (vgl. Kressreport #3 vom 03. Februar 1972(1)) in einen schrittweisen Neuanfang überführt worden war, als der US-Mutterkonzern die Verschmelzung seiner beiden deutschen Verlage BSV und Williams einleitete (vgl. DNV #547 vom 5. Februar 1972, beide Verlage waren nun an der selben Anschrift in Alsdorf ansässig) und bei der Restrukturierung keinen Stein auf dem anderen ließ:

- der langjährige BSV/Williams Geschäftsführer Erwin Heimberger war wohl mit der Vorgehensweise von Warner nicht einverstanden (vgl. Details dazu in Wolfgang J. Fuchs' Artikel 'Einige Anmerkungen zum Bildschriften/Williams-Verlag') und kündigte (regulär) daher im August 1972 (wirksam zum 29. Februar 1973, vgl. DNV #575 vom 5. April 1973), war dann aber sogar noch über den Kündigungstermin hinaus (beratend) bis ca. Ende März 1973 für den Verlag tätig;

- die Programme beider Verlage wurden gründlich entrümpelt ("wird das bestehende Verlagsprogramm um 70% reduziert", vgl. DNV #541 vom 5. Februar 1973) und konzeptionell völlig neu aufgestellt;

- und schließlich mit Klaus Recht zum 1. Mai 1973 ein neuer (zunächst noch BSV-)Geschäftsführer bestellt, der die 1972 begonnene Neuordnung der Organisationsstruktur weiter forcierte (Warner Communications' Geldtopf machte es möglich). Am 31. August 1973 wurden dann sämtliche, noch verbliebenen BSV-Aktivitäten rechtlich in den Williams Verlag überführt und zum 1. Oktober 1973 schließlich auch der Verlagsstandort vom provinziellen Alsdorf (bei Aachen) in die "Verlagsstadt" Hamburg verlegt - was sicherlich mehr als eine rein "kosmetische" Maßnahme war (Stichwort: Vernetzung/räumliche Nähe zur Warner Communications Deutschland-Zentrale), aber auch die personelle Neuaufstellung fast unumgänglich machte (Alsdorf liegt von Hamburg ca. 500-Autobahn-Kilometer entfernt).

So begann er, der von langer Hand vorbereitete und ab Januar 1974 umgesetzte - anfänglich erfolgver-sprechend scheinende - Neustart der Marvel Comics in Deutschland (vgl. Anzeige "Der Bildschriftenverlag ist tot!").

Und was war man für 1974 nicht euphorisch an die Sache gegangen, geradezu wie Williams-Phoenix aus der BSV-Asche, mit frischem Konzept und gleich sieben neuen Serien auf einen Schlag:
Wo BSV im Übergangsjahr 1973 mit nur noch zwei Marvel-Serien vor sich hingedümpelt war (dies allerdings "beabsichtigt", sicherlich mit dem Gedanken, daß man im Übergangsjahr mit einem Basisprogramm an Marvel-Heften am Markt präsent bleiben wollte), feuerte Williams ab 1. Januar 1974 dann aus allen Rohren -- man war sich sicher, daß man sich ein schönes Stück aus dem wachsenden deutschen Comic-Kuchen würde schneiden können.

Und dieser Optimismus basierte auch nicht einfach nur auf Wunschdenken.
Wie man der Broschüre...
 
 
 
COMICS - DER MARKT DER 100 MILLIONEN
DER WILLIAMS VERLAG
SEINE AKTIVITÄTEN 1974
 
(Ein großformatiger Scan der kompletten Broschüre kann auf Peter Gensmantels Homepage 'Marvel Comics Online' im Bereich 'Marvel Material Insider' eingesehen werden!)
 
...entnehmen kann, hatte man die Marktlage sehr wohl analysiert und sich intensiv Gedanken gemacht, ob/wie man mit der eigenen Marktoffensive erfolgreich am Markt würde bestehen können:

1) Laut eigener Hochrechnung ("Es gibt keine umfassenden oder repräsentativen Aussagen über den Markt und seine Entwicklung.") schätzte man, daß sich das Marktvolumen für Comics zwischen 1970 und 1973 in etwa verdreifacht hatte ("Gesamt-Auflage in 1973 aller Verlage 80 Mio. Stück, in Verkaufspreisen gerechnet 100 Mio. DM") und man ging davon aus, daß der Markt noch weiter wachsen würde, also grundsätzlich aufnahme-fähig für weitere Williams-Serien gewesen wäre.
Quelle: Direktlink auf Marvel Comics Online (=Seite 5 der Broschüre)

2) Durch die Umstellung (ab März/April 1973) auf Auslieferung durch den Zeitschriften-Großhandel und Nutzung des Phasenvertriebs (vgl. DNV #541 vom 5. Februar 1973) [BSV hatte seine Produkte über eigene Vertriebsmitarbeiter direkt an die Händler ausgeliefert] hoffte man die Remissionsquote deutlich zu senken und damit die eigene Kostenstruktur erheblich zu verbessern.
Quelle: Direktlink auf Marvel Comics Online Seite 6 und Seite 12
Diese Vertriebs-Umstellung war - meinem Erachten nach - auch der Grund für die beiden Ausfallmonate Februar/März 1973 bei BSV.

3) Im Teilmarkt für Superheldencomics seien [Anmerkung: Stand 1973] "relativ wenig Titel auf dem deutschen Markt" angeboten worden, womit sich vielversprechende Aussichten für die ab Januar 1974 geplante Marktoffensive mit Marvel Comics  ergaben.
Williams setzte (hoffte...) zusätzlich darauf, daß die (marvel-typische) "sehr starke Verbindung zwischen den sieben Titeln" sich positiv auf das Kaufverhalten der Käufer auswirken würde, die durch besagte "Verbindung" zum Kauf von mehr Titeln animiert werden würden.
Quelle: Direktlink auf Marvel Comics Online (=Seite 10 der Broschüre)

4) Zur Verkaufsförderung gab man zum Verkaufstart ein Superhelden-Poster (Auflage 4 Mio. Stück!) kostenlos an den Einzelhandel ab, dazu im Januar (Januar kann logischerweise nur für das Phasenvertriebsgebiet I gegolten haben) zweimal sogenannte Händlerschürzen (= Plakat, das der Zeitungshändler zusammen mit den Druckerzeugnissen vom Verlag geliefert bekommt).
Insgesamt stellte Warner Communications ein Budget von erklecklichen DM 250.000 als Werbe- bzw. Verkaufsförderungsvolumen allein für die Marvel Comics zur Verfügung, mit dem die "die vertrieblichen Bemühungen des Handels unterstützt" werden sollten.
Quelle: Direktlink auf Marvel Comics Online (=Seite 11 der Broschüre)


Die Voraussetzungen für ein erfolgreiches Bestehen der 'Williams-Superhelden-Comics' schienen also bestens, zumal man sich am neuen Standort im mondänen Hamburg eben auch personell optimal aufstellen wollte (man plante mit "einer Kernmannschaft von rund 35 (wohl festangestellten) Mann ... auf scharfen Expansionskurs (zu) gehen", vgl. Kressreport #17 vom 16. Februar 1973).

Was hätte da also noch schiefgehen sollen?
Meine nüchterne Antwort auf diese Frage lautet: Alles...
 
 
 
 
 
1974 HATTE KAUM BEGONNEN... UND DIE LUFT WAR SCHON RAUS...
 
Die anfängliche Euphorie (vgl. Anzeige "1974 - Das Jahr der Superhelden-Comics" in DNV vom 7.12.1973) muß schnell verflogen sein:

- die Umstellung vom (marktunüblichen!) 36- aufs 32-Seitenformat, dann auch mit Standard-Umschlagpapier (weniger Seiten und vor allem kein teurer Hochglanz-Umschlag mehr: Kosten sparen!), erfolgte bereits im Juni 1974;

- man trennte sich von der Werbeagentur Ewald Baluch(2) (die vom 1. bis einschließlich 4. Produktionsmonat die Typographie anfertigte), was zum nachfolgenden Chaos bei der Typographie führte;

- die temporäre Umfirmierung von 'Williams' zu 'Klaus Recht GmbH' (Oktober 1974) bedeutete nichts anderes als die Übernahme des Verlags durch Klaus Recht (man gehörte also nicht länger zum US-Riesen Warner Communications);

- damit einhergehend die erste Entlassungswelle bei den festangestellten Mitarbeitern Ende 1974/Anfang 1975 (auch der Chefredakteur Reinhard 'Remo' Mordek verließ den Verlag)(3);

- und dann auch noch das extrem dünne, absolute Billigpapier, das die 1975er Hefte plagt -- all das deutet massiv darauf hin, daß es von Anfang an nicht wirklich gut lief, daß man sparte, wo man nur konnte.
 
 
 
 
 
KURZES AUFLEBEN - EINES TODGEWEIHTEN...
 
Nein, es stand nicht gut um das Projekt 'Marvel Comics', darüber kann auch nicht die im Oktober 1975 begonnene (kurzlebige...) Expansion (Der Eiserne, Doktor Strange, Die Grüne Laterne, Planet der Affen und die extrem aufwendig gemachten Kung Fu-Taschenbücher) hinweg täuschen, denn bereits Ende 1976 wurde bekanntlich alles außer den drei Kernserien Spinne, FV und Rächer eingestellt.
Genausowenig "funktionierte" 1978 der Versuch, mit 'Krieg der Sterne' und 'Marvel Sonderausgabe' im Bereich der Film-Comics Fuß zu fassen: Auch diese beiden Projekte waren angesichts des Erfolgs in den USA durchaus vielversprechend, sie waren aufwendig gemacht (Großformat, Hochglanzpapier und natürlich hand-gelettert), nicht billig (DM 3,50) und ultimativ... ein Flop -- denn andernfalls hätte man sie ja fortgeführt.

Das langsame Sterben auf Raten hatte spätestens Ende 1976 begonnen, wenngleich das Siechtum auch noch bis Mai 1979 andauern sollte...
Das Konzept war nicht aufgegangen, der große Plan, den deutschen Comicmarkt mit neuem Schwung aufzu-rollen, war grandios gescheitert. Warum? Weil es - meiner Einschätzung nach - trotz aller Bemühungen und all der guten Ideen zu keinem Zeitpunkt gelang, ein wirtschaftlich tragfähiges Konzept auf- bzw. umzusetzen: Man hatte inhaltlich und (überwiegend) auch qualitativ tolle Produkte, man überschätzte aber die Marktaufnahmefähigkeit und produzierte zu teuer bzw. verkaufte schlicht und ergreifend zu wenig davon (die Katze biß sich in den Schwanz...), man war - zumindest im Bereich der Marvel Comics - zu keinem Zeitpunkt wirtschaftlich rentabel(4).
 
 
 
WORAN LAG ES?
 
Was unbeantwortet bleibt, ist die Frage: Warum funktionierten die DC-Superhelden und auch (hier ist der Vergleich Ehapa/Williams unmittelbar möglich) 'Star Wars' bei Ehapa und sogar(!) die Marvel-Superhelden-serien bei Condor, wo Williams nie aus den roten Zahlen kam?
War es wegen des breiter aufgestellten Konzepts (Mix aus Heftserien und Alben/Taschenbüchern), lag es am "besseren" Papier und/oder der "besser lesbaren" Maschinenschrift(5), wo Williams auf das aufwendige (manch einen womöglich abschreckende) Handlettering setzte, das zudem übergangsweise (nach der sehr plötzlich erfolgten Trennung von Ewald Baluch) von teils fragwürdiger/schlechter Qualität war?

War es gerade weil man bei Ehapa auf die intensive Einbindung der Leserschaft verzichtete, die doch in den USA ein absolut integraler Bestandteil für den unglaublichen Erfolg der Marvel Comics war?
Oder gefielen den Lesern gar die "simpler" gestrickten DC-Abenteuer einfach besser?

Wer vermag das wirklich zu sagen?
 
 
 
 
 
WIE WÄRE ES ERFOLGREICH(ER) GEGANGEN?
(Ein Erklärungsversuch)
 
Sicher ist, daß EHAPA einfach insgesamt viel breiter und umfangreicher aufgestellt war; ohne Zweifel (neben Bastei) der Platzhirsch auf dem deutschen Markt war: Ein Marktführer der mit den Asterix-Alben und den diversen Disney-Produkten zudem über die absoluten Zugpferde im Comic-Bereich verfügte, die - daran zweifelt wohl niemand - äußerst ertragreich waren (und bis heute sind....).
Und unabhängig davon, wie gut sich die DC-Produkte bei Ehapa verkauften (man kann angesichts des langen Veröffentlichungszeitraums davon ausgehen: besser als die Williams-Serien...) verhalf das große Gesamt-Portfolio ohne Zweifel auch zu einer insgesamt günstigeren Kostenstruktur.

Und Ehapa ging bei seiner Superhelden-Expansion zudem weitaus zurückhaltender vor. Zwar hatte auch BSV ab 1966 fast ausschließlich auf Heftserien gesetzt(6), aber zeitweilig veröffentlichte man im Rahmen der HIT Comics-Serie 4x Marvelhefte pro Monat und ab 1969 dazu auch noch die (1x monatlich erscheinende) DC-Serie TOP Comics. Ich würde hier zwar nicht von einer "Überflutung" des Marktes sprechen, aber es fällt doch auf, daß Ehapa gar 10 Jahre lang (ab 09/1966 - zeitgleich gestartet wie BSVs HIT Comics!) mit Superman nur eine einzige DC-Heftserie (2x Hefte pro Monat) veröffentlichte, bevor man ab 1976 (also praktisch Zeitgleich mit der Williams-Programmerweiterung...) das Superhelden-Portfolio vergleichsweise behutsam mit weiteren Heftserien (Roter Blitz, Wundergirl und Batman Sonderheft) erweiterte.
Zuvor aber hatte man mit Alben (ab 1973: Superman/Batman-Superbände) und später auch Taschenbüchern (ab 1976: Superman-TB - auch hier etwa zeitgleich gestartet mit Williams' Kung Fu-Taschenbüchern...) auch alternative Formate ins Programm aufgenommen, die zwar auch nicht gerade zu Super-Schnäppchenpreisen verkauft wurden (sie kosteten anfänglich DM 3,50 bzw. DM 2,50), aber definitiv mehr Inhalt als die herkömmlichen Heftserien boten (Alben wie Taschenbücher hatten ca. 96 Seiten Umfang).

Und WOLFGANG M. BIEHLER beschritt einen ähnlichen Weg wie Ehapa. Biehler hatte zunächst Mitte der 60iger Jahre bei BSV als Übersetzer begonnen, wurde dann unter Herausgeber Ewald Baluch zum Chefredakteur befördert und betreute (unter anderem) die HIT Comics und auch MAD (vgl. Impressum MAD #1, 09/1967). Später verließ er BSV und gründete 1972 seine ersten eigenen Verlage (Plural!):
Den Willms Verlag, in dem er gezielt Heftserien aus dem TV/Funny-Bereich veröffentlichte (zum Beispiel: 'Schweinchen Dick' von 1972 bis 1981 und 'Bugs Bunny' von 1972 bis 1978) und den Condor Verlag, in dem er sich an weiteren (unterschiedlich erfolgreichen) Heftserien versuchte, dort aber auch die nach etwas Startschwierigkeiten überaus erfolgreiche Albenserie 'Clever & Smart' (1972 - 2009) lancierte(7)/(8).
Und bereits Ende 1978 - also noch während Williams die Superhelden-Lizenz besaß bzw. Heftserien
verkaufte
- brachte Condor das erste Conan-Taschenbuch (11/1978) auf den Markt und als die Williams-Lizenz dann 1979 auslief, folgten auf dem Fuße auch schon diverse Taschenbuch- und Alben-Publikationen aus dem marvelschen Superhelden-Bereich, wobei - wie sollte es auch anders sein - DIE SPINNE den Anfang machte(9).

Man kann also sagen, daß Biehler den "Verleger-Job im Comic-Bereich" von der Pike auf gelernt hatte, sich 1972 mit eigenen Produkten/Verlagen selbstständig machte und dabei im Comic-Geschäft über Jahrzehnte hinweg - wirtschaftlich gesehen - überaus erfolgreich war. Mit den eigenen Verlagen sammelte weitere, konkrete Erfahrungen, was am Markt lief (und was nicht...) und war nebenbei immer auch ein sehr aufmerk-samer Beobachter des Gesamtgeschehens: Er dürfte ganz genau beobachtet haben, wie unterschiedlich Ehapa und Williams vorgingen -- und kopierte für seine Marvel-Produkte dann im wesentlichen das Ehapa-Erfolgsmodell: Vor allem Taschenbücher (Taschenbücher, Taschenbücher und noch mehr Taschenbücher...!) und Comic-Alben und veröffentlichte erst ab März 1980 mit DIE SPINNE (vgl. Comic-Fan, das ehemalige INCOS-Vereinsmagazin) eine vierzehntägliche Marvel-Heftserie - und dann auch nur diese eine Heftserie.
Die bei Condor kurioserweise als "Magazin" titulierte Heftserie veröffentlichte er laut eigener Angabe überhaupt nur, weil er aus Lizenzgründen dazu verpflichtet war; er selbst hätte am liebsten nur die lukrativen Marvel-Taschenbücher verkauft.

Zusammenfassend halte ich fest, daß Wolfgang M. Biehler ganz offensichtlich nicht den Eindruck gehabt hatte, daß Marvel Comics per se ein schlechtes Produkt gewesen wären, daß man damit kein Geld verdienen könne -- sehr wohl aber den Eindruck, daß Williams die Sache grundsätzlich - kommerziell - falsch angegangen war. Für uns Williamsianer kann das wahrlich kein Trost sein -- dazu waren die Condor-Produkte einfach viel zu grottig (vor allem und insbesondere die... Taschenbücher!), aber wirtschaftlich gesehen hat Biehler alles richtig gemacht (Condor veröffentlichte von 1978 bis 1996 Marvel-Serien)(10)...
 
 
 
 
 
WILLIAMS hingegen scheiterte - kommerziell gesehen - auf der ganzen Linie und verantwortlich dafür war (wie ich versucht habe darzulegen) ein ganzes Bündel von Ursachen. Es wäre zu einfach alles dem "Management" anzulasten - vertreten durch Geschäftsführer Klaus Recht und Vertriebsleiter Michael Klieber (vgl. Markt der 100 Millionen auf Marvel Comics Online [=Seite 3 der Broschüre]), auch wenn die beiden (primär Klaus Recht) letztendlich die Verantwortung dafür trugen. Fakt ist aber, daß beide zwar bereits zuvor im "Pressegeschäft" tätig gewesen waren, dabei aber eben keinerlei Erfahrungen im Bereich "Comics" erworben hatten, keine entsprechenden Marktkenntnisse besaßen (der große und wohl ganz entscheidende Unterschied zu Wolfgang M. Biehler...).
Und das führte dazu, daß das "Management" der Redaktion - und hier sind wohl vor allem Reinhard Mordek und Andy Cathomas zu nennen - (relativ) freie Hand bei der Ausgestaltung ließen: Sei es bei der Titelauswahl, der Entscheidung fürs (teuere) Handlettering und vor allem auch, daß ausschließlich Heftserien produziert wurden. Mordek und Cathomas waren "echte" Comicfans und ihre Vision war es eben, so originalgetreu wie möglich am US-Original zu sein. Durch die "freie Hand" übten sie aber nicht nur die kreative Kontrolle aus, sondern gaben letztlich auch die Formatentscheidung vor -- und das comicunerfahrene Management nickte alles einfach ab und hoffte auf das Beste(11)...

Ein weiterer wichtiger Punkt war sicherlich die Entscheidung, auf das Phasenvertriebssystem zu setzen, das in der Theorie Kostenvorteile bot: Bessere Verwertung (sprich: Verkaufszahlen) bei niedigeren Auflagen und damit ein nennenswerter Beitrag zur Verbesserung der Kostenstruktur.
Ich kann letztlich nicht beurteilen, ob die Idee nicht grundsätzlich sinnvoll gewesen ist, schließlich setzte auch Wolfgang M. Biehler auf diesen Vertriebsweg. Aber Biehler dachte auch in ganz anderen Größenordnungen: Wo Williams laut der Broschüre '1974 - Das Jahr der Superhelden-Comics' (komplett einsehbar auf Peter Gensmantels Homepage im Bereich 'Marvel Material Insider') mit Anfangsauflagen zwischen 60.000 und 84.000 Exemplaren in den Markt ging, stufte Biehler schon 120.000 Stück als wirtschaftlich unrentabel ein(10)... Und anders als beim BSV-Eigenvertriebsystem gab es bei der Verlagsunion natürlich keine bonusorientierten Vertreter, die die Auflage in den Markt "preßten"(12).

Niedrige Auflagen mit zu wenig verkauften Exemplare, gepaart mit einer generell ungünstig hohen Kosten-struktur (wenn Klaus Recht hier auch schon 1974 massiv die Notbremse zog) -- das ist kein Erfolgsrezept, das ist ein Rezept für ein Desaster, und zwar mit Ansage. Mit Erfahrung im Comicbereich hätte Klaus Recht hier sicherlich gegensteuern können; mit Wissen/Erfahrung über das, was er da eigentlich verkaufte... Die von Mordek/Cathomas vorgenommene Titelauswahl war dabei - wirtschaftlich gesehen - sicherlich nicht grundsätzlich falsch -- Frankenstein und Dracula sind zwar keine Superheldencomics (soviel zum 'Jahr der Superheldencomics') waren als Horrortitel aber gerade en vogue gewesen und mit den restlichen fünf (Superhelden-)Titeln (dazu die Zweitserien) deckte man den Marvel-Kernbereich durchaus umfassend ab.

Was man hingegen ganz und gar nicht tat, war behutsam vorzugehen und auf unterschiedliche Formate zu setzen -- was im deutschen Markt aber ganz im Gegensatz zum US-Markt üblich war und vermutlich auch notwendig gewesen wäre(13). Statt dessen blieb die spätere Redaktion (als Mordek und vermutlich auch Cathomas längst weg waren) bei der Fixierung auf Heftserien und versuchte sich zwar an anderen Inhalten, hielt aber (fast ausschließlich) am Format fest: Film-Abenteuer im Magazin-Format (Planet der Affen, später Krieg der Sterne und Marvel Sonderausgabe), die redaktionell viel zu aufwendig (teuer) gemachten Kung Fu-Taschenbücher (und dann waren sie noch nicht einmal vierfarbig -- für den deutschen Markt in den 70iger Jahren hätte man die im original schwarz-weißen Geschichten definitiv vierfarbig machen sollen....) und mit 'Grüne Laterne' gar einen isolierten DC-Titel (als ob es bei Marvel sonst nichts mehr gegeben hätte...).

All das war aber nur ein (verzweifelter?) Versuch "mehr vom selben" zu machen - das Prinzip Hoffnung, das Projekt würde sich schon irgendwann tragen - aber keine Änderung im grundsätzlichen Vorgehen, in der grundsätzlichen Marktausrichtung.
Das hätten bereits Reinhard Mordek und Andy Cathomas 1973 in die Wege leiten müssen und wer weiß, vielleicht wäre eine andere Format-Aufstellung erfolgreicher gewesen, ohne daß man auf die gewünschte Originaltreue/Authentizität/Glaubwürdigkeit völlig hätte verzichten müssen. Niemand weiß freilich, ob nicht zum Beispiel eine (anfängliche) Konzentration auf die drei Kerntitel Spinne, FV und Rächer (wobei Rächer erst später zum Kerntitel wurde) im Heftformat, flankiert von Alben und (da sind sie wieder, diese verdammeleiten...) Taschenbücher den notwendigen Verkaufserfolg gebracht hätten, der das Superhelden-Portfolio in Summe wirtschaftlich tragfähig gemacht hätte.

Sicher ist nur, daß wir das nie erfahren werden.

Und sicher ist vor allem auch, daß die Williams-Hefte - auch wenn sie wirtschaftlich gesehen kein Erfolg waren - in jeder Hinsicht die beste Präsentation und Repräsentation von klassischen Marvel Comics waren/sind, die wir je in Deutschland hatten. Inhaltlich gesehen ist die Vision, den US-Heften so ähnlich wie möglich zu sein, voll aufgegangen, nichts anderes vorher oder danach kommt auch nur annähernd an diese Hefte heran. Die Qualität der US-Geschichten war vorgegeben (und steht außer Zweifel), aber erst die redaktionellen Seiten/Beiträge, das (überwiegend erstklassige) Handlettering und die beinahe einzigartig guten Übersetzungen(14) machten (und machen) die Williams-Hefte zur klaren Nummer 1 aller Marvel-Veröffentlichungen, die je in Deutschland veröffentlicht wurden. Punkt.

Wir Marvelianer werden sie jedenfalls nie vergessen -- sie werden immer einen ganz besonderen Platz in unserem Comicherzen einnehmen....
 
Gernot Zipperling, 21.05.2026
 
 
 
Besonderer Dank an Stefan Schlüter für die zur Verfügung gestellten Scans von Handelsregisterauszügen, Kressreport/DNV/Comic-Fan-Quellen und Impressen.
 
 
 
Angaben zu den im Text verwendeten Abkürzungen und Namen:
- DNV - Der Neue Vertrieb (gegründet 1949) und Kressreport (gegründet 1966) sind/waren Fachzeit-schriften für den Pressevertrieb;
- Comic-Fan war das ab Januar 1974 erschienene Vereinsmagazin/Nachrichtenblatt von INCOS (Interessengemeinschaft Comic Strip e.V.). Ein Hintergrundartikel zu INCOS findet sich auf Splashcomics.de;
- EVT = Erstveröffentlichungstag;
- DSN = Das Sagte Nuff (Marvel-Fanmagazin, 12x Ausgaben, 09/2005 - 05/2010).
 
 
 
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(1) Laut Kressreport #3 vom 03. Februar 1972 gehörten die 'Bildschriften Verlag GmbH' und die 'Williams Verlag GmbH' beide dem "amerikanischen Multi-Market-Konzern" Kinney Services Inc.
Unmittelbar nach der Kress-Meldung wurde der Kinney-Konzernbereich 'Medien und Unterhaltung' dann aber in ein eigenständiges Unternehmen ausgegliedert (wirksam ab 10. Februar 1972), das den bekannten Namen "Warner Communications Inc." erhielt.
Quelle: Wikipedia



(2) Auszug aus dem Artikel "Einige Anmerkungen zum Bildschriften/Williams-Verlag" von Wolfgang J. Fuchs in Die Sprechblase #213 (12/2008):
"Als bei Williams dann die Marvel-Comics von vorne begannen, sollten die Hefte handgelettert werden. Baluch kaufte sich zu diesem Zweck eine Lettering-Maschine, das angeblich einzige Duplikat jener Maschine, mit der die Texte für die Charlton-Comics gelettert wurden.

Baluch verlagerte einen Teil seines Studios wegen des schnelleren Kontakts und der zusätzlichen Arbeit nach Hamburg, wo er im selben Haus wie der Williams-Verlag eine eigene Etage belegte. Bei einer Weihnachtsfeier habe ihm dann, so Baluch, Verleger Klaus Recht ganz nebenbei eröffnet, dass er ab sofort nicht mehr für Williams arbeiten werde. Baluch dachte natürlich überhaupt nicht daran, dem Verlag die Unterlagen der bereits fertig gesetzten und auf Druckfilme kopierten Hefte auszuhändigen.

Es gab daraufhin zwischen beiden Seiten ein mächtiges Gezerre mit Anschuldigungen und Gegenanschuld-igungen und teilweise massiven Vorwürfen über vermutete illegale Handlungen. Beweise dafür gab es jedenfalls nicht. So viel ist aber wohl klar: die Trennung ist sicher nicht in bestem Einvernehmen erfolgt und beide Seiten hatten Grund, sich über den jeweils anderen zu ärgern."
[Wolfgang J. Fuchs' kompletter Artikel kann HIER eingesehen werden.]

Mit "Weihnachtsfeier" muß die des Jahres 1973 gemeint sein, als Klaus Recht die Kündigung ausprach, wobei die ersten vier 1974er-Monatsproduktionen aber bereits an Williams übergeben worden waren, denn hierfür fertigte die Agentur Baluch das "maschinelle Handlettering" an.

Aus Wolfgang J. Fuchs' Artikel geht kein konkreter Grund für die Trennung von Baluch hervor. Für mich scheinen zwei Möglichkeiten plausibel: Entweder Klaus Recht hegte (aus welchem Grund auch immer) Animositäten gegenüber Ewald Baluch oder es ging einfach nur "ums liebe Geld", sprich: Ewald Baluchs Dienste/Arbeit waren Klaus Recht einfach zu teuer.
Sollte letzteres zutreffen, wäre dies Klaus Rechts erste Kostensenkungsmaßnahme gewesen -- noch bevor überhaupt das erste Heft am Kiosk auslag...

Die "plötzliche" Kündigung und der resultierende Streit dürfte dann wohl auch der Grund für die nach-folgende, absolut chaotisch anmutende Letteringphase sein, in der wild zwischen herkömmlichem Maschinensatz und echtem Handlettering (überwiegend von fragwürdiger Qualität...) herumexperimentiert wurde. Das Motto schien geradezu zu lauten: Jeder (der wollte) durfte sich mal daran versuchen...


(3) Auszug aus einem Interview mit Reinhard Mordek in 'DAS SAGTE NUFF #12' (05/2010):
Frage: "Etwa ein Jahr nach dem Neustart der Superhelden hörten Sie auf, für Williams zu arbeiten, welche Gründe gab es dafür?"
Reinhard Mordek: "Mein Aufenthalt in New York war von Anfang an auf ein Jahr begrenzt. Nach meiner Rückkehr sollte ich, auch genannt 'Manhatten', die rechte Hand von Klaus Recht im Verlag werden. Er hatte den Verlag inzwischen ganz übernommen und von der Redaktion war meines Erachtens nur noch Kirsten Isele übrig.
Ein anderer Grund mag gewesen sein: Nicht ahnend, daß es mit Marvel in Deutschland und Klaus Recht trotz des Erfolges nicht zum besten stand, habe ich mich auf eine Aktion am Rande eingelassen, die - wenn auch im Nachhinein nicht schlüssig - zum Bruch mit Klaus Recht führte."
...
"Als Andy Cathomas [Anmerkung: Cathomas war "Artdirector" bei Williams] ... mich bat, für [eine] ... Ausstellung ... einige Originalzeichnungen ... zu besorgen, nahm ich natürlich an, dies sei bereits von Klaus Recht abgesegnet... Wie konnte ich ahnen, daß ich durch dieses Anliegen ein für die Verlage höchst prekäres Thema bezüglich der Eigentumsrechte an den Originalen anschnitt?"
...
"Nach Vorsprache bei dem 'Giganten' Bill Gains (MAD) wurde ich geradezu aus seinem Büro geworfen! Das kam natürlich Klaus Recht zu Ohren - und trübte unser Verhältnis nachhaltig."

Frage: "Ihre Frau Ursula war von Anfang an dabei und letterte die ersten Hefte von Hand. Nachdem 'Remo' lautlos in der Versenkung verschwunden war, konnte man 'Uschi Kedrom' [Anmerkung: Pseudonym von Ursula Mordek] trotzdem noch einige Monate in den Credits lesen."
Reinhard Mordek: "Meine Frau und ich wurden ab 1.10.1974 feste, freie Mitarbeiter mit der Auflage, fünf Comics pro Monat zu übersetzen. Kedrom sollte zwei Marvels und zwei sog. 'Gruppencomics' lettern."
Frage: "Arbeiteten Sie nach 1974 je wieder für den Williams Verlag?"
Reinhard Mordek: "Wie schon erwähnt, waren wir feste, freie Mitarbeiter (laut neuem Vertrag) bis Ende November 1974. Ab Dezember 1974 war ich dann bei 'Gruner & Jahr'."


(4) Auszug aus einem Interview mit Reinhard Mordek in 'Die Sprechblase #174/175' (08 & 10/2000):
Frage: "Waren die Lizenzgebühren an der Auflage orientiert?"
Reinhard Mordek: "Es gab Staffelpreise und es gab Tantiemen...Die Produktionskosten waren immens. Im nachhinein würde ich sagen, daß wir den Markt zu übersättigt hatten."
...
"Die Lizenzgebühren gingen an die Warner Brothers, den Eigentümern von Time Warner. Da kamen schon Beträge um die 100.000 Dollar zusammen. Und das betraf nur die deutsche Produktion. Das Kolorieren und die Lithos waren teuer."
...
"Was sich für Klaus Recht nicht rechnete, hat er dann eingestellt...In diesem Zusammenhang hat er auch den Personalbestand abgebaut."


(5) Auszug aus einem Interview mit Reinhard Mordek in 'Die Sprechblase #174/175' (08 & 10/2000):
Frage: "Beim Bildschriftenverlag hatte man zuvor noch mit dem gängigen Maschinensatz gearbeitet."
Reinhard Mordek: "Unser Artdirector Andy Cathomas kam auf die Idee, das Handlettering wie bei den Amerikanern zu übernehmen."

Auszug aus einem Interview mit Reinhard Mordek in 'DAS SAGTE NUFF #12' (05/2010):
Frage: "Die Fans schätzten gerade das von Williams verwendete 'Handlettering'. War dieser Schritt zu einer Zeit, in der üblicherweise alles maschinell gesetzt wurde, nicht auch riskant?"
Reinhard Mordek: "Handlettern war für Andy Cathomas und für mich das absolute Muß. Riskant war es nur zum Teil, weil es manchmal wegen der Versalien [Anmerkung: Versalien = Großbuchstaben] schlechter lesbar, zeitaufwendiger und teurer war."

Objektiv betrachtet ist Hand-Lettering tatsächlich "schlechter" lesbar, sei es wegen der Großbuchstaben und/oder vor allem auch, weil es eben von Hand geschrieben wurde und so fast zwangsläufig von schwankender Qualität war. In den USA war das insofern kein Problem, weil es dort fast ausschließlich nur Handlettering gab. Anders in Deutschland: Die allermeisten deutschen Leser kannten nur maschinell gesetzte Schriften ("Schreibmaschinen-Schrift"); das waren sie gewohnt, das bekamen sie bei der Konkurrenz.
Und das dürfte beim Durchblättern eines Marvel Comics am Kiosk zumindest manchen, potentiellen Käufer abgeschreckt haben.
 
 
(6) Technisch gesehen war HIT Comics die längste Zeit über sogar nur eine einzige Serie, aber das ist Wortklauberei, entscheidend ist schließlich die Summe aller (monatlich erscheinenenden) Hefte. Was BSV im Superheldenbereich hingegen nie hatte, waren Taschenbücher. Zwar "experimentierte" man (in anderen Genres) ab 1971 ebenfalls ein wenig mit dem Format rum, aber auch nur halbherzig und - angesichts dessen, daß es nur eine Handvoll Ausgaben gibt - mit mäßigem Erfolg.

Da ist zuvorderst das Tarzan-Taschenbuch (1971-1973) zu nennen, von dem sage und schreibe fünf Ausgaben erschienen. Das klingt nicht nach dem ganz großen Erfolg und wenn man weiß, daß die ersten vier Ausgaben zwar stattliche 260 Seiten Umfang haben, aber in Schwarz-Weiß gedruckt wurden, dann könnte das ein Teil der Erklärung sein (mit Ausgabe #5 wechselte man dann auch auf Vierfarbig, bei nur noch 132 Seiten Umfang). Man orientierte sich (mit den ersten vier Ausgaben) also an Ehapas 'Lustigen Taschenbüchern', die ebenfalls ca. 250 Seiten Umfang hatten und wie BSVs Taschenbücher DM 3,00 (Preis 1971) kosteten.
Aber Disney war eben Disney -- die 'LTBs' hätten sich vermutlich sogar bestens verkauft, wenn sie komplett in Schwarz-Weiß gedruckt worden wären (bis 1986 wurden je 2x Seiten in Farbe gedruckt, gefolgt von 2x Seiten in Schwarz-Weiß usw. usf.).

In der selben Aufmachung wie Tarzan erschienen auch vier Dick & Doof-Taschenbücher (1971-1972, 260 Seiten, anfänglich schwarz/weiß) und in anderer Aufmachung (128 Seiten, 4-farbig, DM 2,00) jeweils eine (ganze) Taschenbuch-Ausgabe von Pelefant und Kalle & Cäsar (beide 1972). Die bestimmende Gemeinsamkeit all dieser Taschenbuchserien: Sogar deren Heft- bzw. Albenpendants waren allemal erfolgreicher als die Taschenbücher...
Dieser übersichtliche Erfolg mag ein Grund gewesen sein, warum Williams weitgehend auf Taschenbücher verzichtete: Einzig eine zweite Tarzan-Taschenbuchserie mit insgesamt fünf Ausgaben sollte es noch geben, 1976 parallel zu den Kung Fu-Taschenbüchern veröffentlicht und mit ähnlicher Ausstattung/Aufmachung (196 Seiten, DM 3,80).

Besser - viel besser - lief es hingegen beim MAD-Taschenbuch: 73 Ausgaben erschienen zwischen 1973 und 1994, was weitgehend eine vierteljährliche Erscheinungsweise ergibt. Aber MAD war halt MAD - keine Comicserie im klassischen Sinn und schon gar kein Superheldencomic - es sprach ein (weitgehend) anderes Publikum an, nahm eine Sonderstellung ein. Gleichwohl war MAD - in allen Formaten - äußerst erfolgreich.
 
 
(7) Auszug aus einem Interview mit Wolfgang M. Biehler in 'DAS SAGTE NUFF #12' (05/2010):
Frage: "Welche Serien betreuten Sie beim Bildschriftenverlag?"
Wolfgang M. Biehler: "Zuerst arbeitete ich nur als Übersetzer für den BSV. Später wurde ich Chefredakteur für HIT Comics, Gold Key, MAD usw. Im Prinzip betreute ich alle Comicserien des Bildschriftenverlags."
Frage: "Wie kam es zur Trennung zwischen Ihnen und dem Bildschriftenverlag?"
Wolfgang M. Biehler: "Es ging ums Geld! Ich wollte mehr!"
Frage: "Was bewog Sie, eigene Wege zu gehen und selbst einen Verlag zu gründen?"
Wolfgang M. Biehler: "Zwei Dinge: Spaß und Geld! Aber ich habe nicht nur einen Verlag gegründet. Es waren wohl mindestens zehn! Die habe ich dann später teilweise fusioniert und/oder verkauft. Ich wollte im Printbereich eben alles einmal machen, sowohl redaktionell als auch als Herausgeber."
 
 
(8) Den Willms Verlag finde ich insofern faszinierender als "Condor", da sich hier zeigt, daß auch Wolfgang M. Biehler eine wirtschaftliche Verbindung zu 'Warner Brothers' hatte, denn die TV-Comic-Charaktere (Bugs Bunny, Schweinchen Dick) des Willms Verlags sind natürlich ebenfalls Lizenzprodukte des Warner-Konzerns.

Aus dem Kuriositätenkabinett 1:
Etwas schräg mutet dabei der Name gewählte 'Willms' an - scheint er doch wie eine verkürzte Version von 'Williams'?
Nun mag das wirklich Zufall sein, es könnte aber auch gut mit der Ausrichtung des Willms Verlags auf Warners TV-Comic-Lizenzen zu tun gehabt haben - 'Williams' war ja eine Tochtergesellschaft von 'Warner Communications'. Zumal Willms auf den ersten Heften dann auch noch ein Logo verwendete, das auffallend vom (ersten) Williams-Signet inspiriert scheint....
Aus dem Kuriositätenkabinett 2:
In einigen der Impressen der 1972er-Hefte des Willms Verlags (Beispiel-Impressum: Porky - Neues vom Schweinchen Dick und seinen Freunden #13 , 12/1972) wurde die Veröffentlichung weiterer Serien angekündigt: Darunter nichts weniger als CONAN DER BARBAR! Das heißt also, Wolfgang M. Biehler hatte die Marvel-Serie seit wenigstens 6 Jahren auf seiner Agenda gehabt, bevor er sie dann tatsächlich in seinem Condor Verlag veröffentlichen sollte!
 
 
(9) Kein Zweifel möglich, Wolfgang M. Biehler ging bestens vorbereitet und mit System bei SEINER Marvel-Marktoffensive vor, wobei die Taschenbuch-Ausgaben die Basis seines Marvel-Portfolios bildeten -- er bevorzugte sie gegenüber allen anderen Formaten, denn sie waren wirtschaftlich gesehen einfach am lukrativsten, daraus macht(e) er überhaupt kein Hehl.

So waren die ersten Marvel-Produkte von Condor folgerichtig auch Taschenbücher gewesen, deren erste Ausgaben stattliche 192 Seiten (vierfarbig) hatten und mit einem Preis von DM 4,00 ein wirklich günstiges Leseerlebnis boten -- aufgrund der extrem gekürzten Texte (in den Miniblasen ist einfach zu wenig Platz für vernünftige Übersetzungen....) kann von Lesespaß keine Rede sein, aber günstig waren sie wirklich.
Tatsächlich waren die 192er-Seiter wohl sogar zu niedrig bepreist, denn bereits 1980 erfolgte nicht nur eine Preiserhöhung auf DM 4,50 (die man wohl als mehr oder weniger als "normale", jährliche Preissteigerung einstufen kann), sondern der Seitenumfang wurde gleichzeitig auch deutlich auf nunmehr 160 Seiten reduziert -- Biehler rechnete halt mit spitzem Bleistift: Das Produkt mußte sich kaufmännisch rechnen.

Bezüglich den Erstveröffentlichungsterminen von Condor sind historische Quellen rar, mir liegt lediglich eine Quelle (Comic-Fan, das ehemalige INCOS-Vereinsmagazin) vor, die allerdings die übrigen - nicht mit Quellen belegten - Angaben als durchaus realistisch erscheinen läßt. Am interessantesten ist natürlich der "gemeinhin" angenommene EVT 11/1978 für das Conan-Taschenbuch #1, das demnach nicht nur die allererste Marvel-Veröffentlichung von Condor gewesen ist, sondern erschienen wäre, als Williams parallel noch seine (letzten) Marvelhefte verkaufte.
Eine mögliche Erklärung wäre, daß Conan halt kein Superhelden-Material war und nicht von der Williams-Lizenz abgedeckt wurde. Sehr viel wahrscheinlicher scheint mir hingegen, daß sich Wolfgang M. Biehler (als korrekter Geschäftsmann) mit Klaus Recht abgestimmt hatte: Für Recht war der Zug längst abgefahren, für ihn war das Thema Marvel erledigt, wann immer seine Lizenznahme auch genau endete.

Biehler war der neue Lizenznehmer, er begann 1979 dann richtig mit seiner Offensive durchzustarten. Denk-bar, daß Klaus Recht sein OK für die November-Veröffentlichung von Conan TB #1 gegeben hatte, mit seinen Superhelden-Comics hatte das ohnehin nichts zu tun. Und daß das Spinne-Taschenbuch #1 bereits 04/1979 erschienen ist (sein soll) -- was hätte das Klaus Recht noch groß kümmern sollen, er war raus aus der Geschichte.
Ohnehin sollte/dürfte Klaus Recht spätestens seit Ende 1978 von Biehlers Vorhaben/Aktivitäten gewußt haben, deren Vorbereitung/Planung früh in 1978 begonnen haben müssen - andernfalls wären die 1979er-Veröffentlichungen, nur kurz nach dem Williams-Ende, für mich jedenfalls nicht vorstellbar.
 
Comic-Fan (INCOS-Vereinsmagazin)
 
(10) Auszug aus einem Interview mit Wolfgang M. Biehler in 'DAS SAGTE NUFF #12' (05/2010):
Frage: "Gab es zwischen Williams und Condor eine Art Fehde? Nach einem Artikel über Superhelden mit Fokus auf Klaus Recht im Spiegel von 1976 [Anmerkung: Der Artikel "Entsetzen bringt Galaktus!!" kann kostenfrei online im Spiegel-Archiv eingesehen werden] meldeten Sie sich per Leserbrief mit dem Hinweis, daß sich Superhelden schlecht verkaufen ließen."
Wolfgang M. Biehler: "Nein! Die Comic-Heftausgaben waren damals, rein wirtschaftlich gesehen, ein Super-Flop! Deswegen habe ich zuerst die Marvel-Comic-Taschenbücher gemacht. Diese hatten tolle Auflagen. Später, viel später, mußten wir aus lizenzrechtlichen Gründen leider auch die Comic-Hefte und Alben (Graphic Novels) übernehmen..."

Frage: "Warum entschieden Sie sich für das Taschenbuch-Format? Viele der ehemaligen Williams-Leser stiegen deshalb 1979 aus oder auf US-Originale um."
Wolfgang M. Biehler: "Tatsächlich? Das habe ich an den Verkäufen meiner Comic-Taschenbücher glücklich-erweise nicht bemerkt! Aber jeder, wie er's will..."
Frage: "Warum erschien 'Die Spinne' erst 1980 als Heft und nicht schon früher bzw. von Anfang an?"
Wolfgang M. Biehler: "Es gab da lizenzrechtliche Probleme - aber eigentlich wollte ich auch gar keine Comic-"Hefte" (wir nannten es Magazine) machen!"

Frage: "Was führte letztendlich zur Einstellung der Marvel-Serien bei Condor?"
Wolfgang M. Biehler: "Der Zeitgeist! Comics sind heute - leider, leider - als Print-Objekte nur noch ein Thema für Spezialisten; für Verlage, die mit Kleinstauflagen einen ausgewählten aber kleinen Kreis bedienen! Mich interessieren nur hohe Auflagen, und bei um die 120.000 Exemplaren habe ich damals eingestellt."
 
 
(11) Auszug aus einem Interview mit Reinhard Mordek in 'Die Sprechblase #174/175' (08 & 10/2000):
Frage: "Und wer traf die Entscheidung, welche Serien nun neu ins Programm kamen?"
Reinhard Mordek: "Das war der Verlagsleiter, mit uns zusammen. Es wurde vereinbart, was machbar ist."
 
 
(12) Auszug aus dem Artikel "Einige Anmerkungen zum Bildschriften/Williams-Verlag" von Wolfgang J. Fuchs in Die Sprechblase #213 (12/2008):
"Laut Erwin Heimberger, der vom 1. Juli 1964 bis 1973 die Geschicke des bsv leitete, rentierte sich das System mit 16.000 Verkaufsstellen und 64 Vertriebsmanagern, da sich so letztlich die gesamte Auflage verkaufte und auch Nachdrucke gemacht werden konnten, so dass es manche Hefte auf eine verkaufte Auflage von über 50.000 Exemplaren brachten."
[Wolfgang J. Fuchs' kompletter Artikel kann HIER eingesehen werden.]
 
 
(13) Auszug aus einem Interview mit Reinhard Mordek in 'Die Sprechblase #174/175' (08 & 10/2000):
Frage: "Gab es von Seiten der Amerikaner gewisse Vorgaben, in welchen Formaten die deutschen Comics zu sein hatten? Haben Sie an alternative Publikationsformen wie z. B. Taschenbücher gedacht?"
Reinhard Mordek: "Von Seiten der Amerikaner hatten wir relativ freie Hand. Nur die Auflagen waren ihnen zu gering."
 
 
(14) Natürlich schwankte die Qualität der Übersetzungen auch bei Williams, wie sollte es auch allein schon aufgrund der Vielzahl an Übersetzern anders sein:
Arend Buck, Behrendt (de) Cuvry, ?Bruno?, Christiane Metzin, Gitta Moldehn, Hartmut Huff, Jani Büsing, Kirsten Isele, Maria Schott, Peter Paulson, Reinhard Mordek, T. B. Larsson, Sybille van Geem, Wolfgang J. Fuchs.
(Keine Garantie für Vollständigkeit, aber ohne die mutmaßlichen Pseudonyme Rainer Mittwoch/Boris Vlanoff/Brother Hu bzw. Brother Hudu von Hartmut Huff und Walter Bassing/Elisabeth Montfort von Wolfgang J. Fuchs.)

Aber meines Erachtens nach sind die Williams-Übersetzungen grundsätzlich gut und mit der der Zeit wurden sie nur noch besser. Und zwar gerade weil die Übersetzer den - häufig genug - großen Textumfang der Originale ins Deutsche "transportierten" und dabei keine Rücksicht auf feste/vorgegebene Schriftgrößen nehmen mußten, auch wenn dann manchmal Textblasen etwas vergrößert werden mußten. Nahezu keiner der "modernen" Übersetzungen gelingt es, den Geist und Wortwitz von Stan Lee und Co. so gut zu vermitteln, wie es die Williams-Übersetzer vermochten.
Das mag auch daran liegen, daß die Williams-Übersetzer dem 60iger-Jahre-Zeitgeist naturgemäß so viel näher standen, als es heutzutage der Fall ist (sein kann). Aber allzuoft gewinne ich bei "modernen" Über-setzungen den Eindruck: Sie wollen es gar nicht erst versuchen...
 
 
 

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